Hinterhalt



Ich hasse Frühschicht. Nicht etwa, weil ich um 3:45 Uhr aufstehen muss oder den ganzen Tag im Eimer bin.  Auch nicht, weil ich früh ins Bett gehen muss, damit ich am nächsten Tag nicht in der Arbeit einschlafe. Nein. Sondern wegen den Spinnen. Ja, richtig gelesen, Spinnen. Die kommen nämlich nachts raus. Falls ihr das nicht wisst, steht doch mal nachts auf.

Natürlich treff ich die nur dann, wenn alle anderen schlafen und mich keiner retten kann. Und natürlich sind’s die größten Exemplare, die die Welt je gesehen hat. Wie letzte Woche zum Beispiel. Ich sag euch eins: Man tut sich morgens viel leichter mit aufstehen, wenn eine Riesenspinne über dem Bett sitzt. Ich wollte stark sein, ich wollte leise sein und sie einfach kurz und schmerzlos um die Ecke bringen. An die Wand klatschen ging nicht, weil ich sonst neu tapezieren hätte müssen. Also saß ich da, morgens um 4, mit meinem EMP Katalog in der Hand und mit weit aufgerissenen Augen und hab sie angestarrt. Und sie hat zurückgestarrt. So saßen wir da, sie und ich, Angesicht zu Angesicht. Bis sie beschlossen hat, die Flucht zu ergreifen. Als sie sich mit ihren gefühlten 800 kleinen, ekligen Beinen bis zum Boden durchgewuselt hatte, dachte ich mir, jetzt muss ich die Chance ergreifen und sie erlegen. Bewaffnet mit einem Katalog voller fragwürdiger Kapuzenpullis, deren Anblick allein schon zum Töten in der Lage ist, stürmte ich also auf sie zu. Ich schlug zu, sie lief weiter. Ich schrie. Schritte. Mist, jemanden aufgeweckt. Hoffentlich ist es der Papa, der macht sie dann weg. Aber es war Mama, die Furchtlose. Sie hat die Gigantische gepackt, zerdrückt und entsorgt. Und war genervt, weil ihre Tochter so eine Memme ist.

Ich weiß nicht, wo das herkommt. Vor ein paar Jahren war ich da noch nicht so schlimm. In der Schule hab ich mir bei einer Ausstellung eine Tarantel über die Hand laufen lassen. Das fand ich super, die war so weich und bei den großen Beinen wusste man immer, wo die gerade waren. Kein Gewusel, keine hektischen Bewegungen. Die Gute war die Ruhe selbst. Und ich war es auch.

Neuerdings artet eine solche Begegnung eher in panischem Gekreische, Rumgehüpfe und Schreien nach Hilfe aus. “Schaaaatz, mach’s weg!”, “Papa, Hilfeeeee!” oder wie heute “Toooobiiii, schneeeell, ein Monster!”. Der Freund meiner Schwester hat heute sowohl in der Küche als auch in meinem Zimmer ein Biest beseitigt. Stellt sich mir die Frage: Wo zum Teufel kommen die her? Was ist das für ein Haus in dem ich lebe, in dem ich mir das Bett mit Achtbeinern teile? Ich hab seit etwa 10 Jahren ein Fliegengitter am Fenster und meine Zimmertür ist eigentlich immer geschlossen. Entweder die Viecher schlüpfen mit rein, wenn ich gerade rausgehe, oder die leben schon seit Jahren unbemerkt mit mir zusammen. Ich frage mich, wieviele mich hier genau in diesem Moment beobachten und wann sie herauskommen um mich anzugreifen während ich schlafe. Ich frage mich, ob der Liebste dann neben mir liegen wird und ob er mich rettet. Aber vor allem frage ich mich, warum ich überhaupt Hilfe brauche bei Tieren, die viel mehr Angst vor mir haben als ich vor ihnen haben sollte.

Veröffentlicht am 05.09.2009 um 00:20 unter alltägliches, erlebtes, gefühltes, ominöses. Du kannst die Kommentare als RSS-Feed abonnieren. Hinterlasse einen Kommentar oder einen Trackback von deinem Blog.

5 Kommentare zu “Hinterhalt”

  1. Dany sagt:

    Das problem kenn ich. Ich sitz auch immer Angesicht zu Angesicht vor ner Spinne. Ich weiß aber auch wo ich das her hab. Als kleines Kind wollte ich mal ne Nacht bei meiner großen Schwester im Zimmer schlafen. Also alles zusammengesammelt. Nur noch schnell das Lieblingskuscheltier holen. Ich nehm’s weg und auf einmal krabbelt da ne dicke fette schwarze Spinne von dem runter. Ne Spinne in meinem Bett auf meinem Lieblingskuscheltier. Das ging garnicht. Bett und Kuscheltier hatten es erstmal so richtig verkackt sowas zugelassen zu haben. Hab da auch immer von Spinnen geträumt.
    Seit dem brauch ich erstmal nen Moment um zu realisieren, dass die mir ja überhaupt nix tut. Dann ist sie aber auch dran. :D
    Bist also nicht allein auf dieser Welt. ;)

  2. Dany sagt:

    Hey, mein Text ist fast so lang wie deiner :D

  3. Dany sagt:

    … also fast halt. ;)

  4. Devblogger sagt:

    Ich würde mich eher fragen: Woher kommt es auf einmal? Früher hat es dir ja nichts ausgemacht, schreibst du.

  5. _infinity_ sagt:

    Ich verstehe dich. Hatte vor ein paar Minuten auch eine ziemlich große Spinne in meinem Zimmer und erstmal einen riesen Schreck bekommen, als ich sie entdeckt habe.
    In solchen Situationen bin ich immer froh, wenn noch jmd zuhause ist, der sie dann beseitigen kann ^^

Schreib was - ich freu mich drüber!

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