
Was in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet ist – ich ertappe mich selbst auch immer wieder dabei – ist das Phänomen des Wegschauens. Dabei rede ich jetzt nicht von wirklich kritischen Situationen, wie beispielsweise solchen, wo Zivilcourage angesagt wäre, aber viele Leute wegschauen. Nein, darüber habe ich letztens in der Uni erst einen Vortrag gehalten und im Fernsehen ist es auch oft genug.
Was ich meine, sind einfache, kleine Situationen im Alltag, denen man zu entkommen versucht, indem man einfach nicht hinschaut. Das Monster unterm Bett zum Beispiel. Das klappt schon im Kindesalter – unter der Bettdecke verstecken und gut ist’s, denn wenn ich das Monster nicht sehe, sieht es mich auch nicht. Ein anderes Beispiel wäre der Zeuge Jehovas in der Fußgängerzone. Fast jede Woche, wenn ich zur Arbeit gehe, steht er da, vor dem McDonald’s in der Maxstraße, mit dem “Wachturm” in der Hand. Nur nicht hinschauen! Wenn man ihm erstmal in die Augen schaut, ist man verloren. Denn dann spricht er einen direkt an, und es ist viel schwerer dann lächelnd vorbei zu gehen und seine Worte zu ignorieren als wenn er allen Menschen im Umfeld lautstark die Güte Gottes verkündet.
Oder Tierschützer. Nichts gegen Tierschützer, die sind gut und ich hab ja nichts gegen Tiere. Aber oft sind sie ganz schön aufdringlich. Da hab ich mich neulich erst überreden lassen, für Hunde oder Elefanten oder Nacktschnecken zu unterschreiben – ich weiß gar nicht mehr, welche Tiere der nette junge Mann mir aufgezählt hat, weil ich mich so darüber geärgert habe, dass ich zu ihm hingeschaut habe und so in seine Falle getappt bin. Jedenfalls wollte er mir dann noch einen Hundewelpen andrehen – einen ganz süßen, laut dem Foto – der in einem Tierheim unter ganz miserablen Bedingungen leben muss, und da dachte ich mir, aus der Sache komm ich ganz leicht raus, da muss ich nicht mal lügen. Ich erzähle ihm also, dass ich in meiner Wohnung leider leider keine Haustiere halten darf und dann sagt er Nein nein, es geht ihm gar nicht darum, dass ich den Hund zu mir nehme, ich soll nur eine Patenschaft abschließen. Da hab ich dann also einen Hund, für den ich bezahle und den ich auf dem Foto anschauen kann, aber den ich dann nicht mal streicheln kann?! Da geht für mich irgendwie jeglicher Reiz eines Haustiers verloren. Ich weiß, alle Tierschützer unter euch werden jetzt aufschreien und mich verteufeln, aber ich will ja auch was von einem Haustier haben, da bin ich durchaus egoistisch. Lebensgemeinschaften beruhen nunmal auf Gegenseitigkeit.
Ich bin inzwischen so weit mit meiner Wegschau-Mentalität (es ist nicht meine Schuld, man wird im täglichen Leben quasi dazu gezwungen!), dass ich alles dankend ablehne, was man mir an öffentlichen Plätzen andrehen will. Letztens aber, da hatte ich es eilig auf dem Weg nach Hause, da standen junge Damen mit Flyern bewaffnet in der Fußgängerzone vor dem H&M herum – drei der vier hatten bereits junge Frauen in ein Gespräch verwickelt – und eine kam auf mich zu, stellte sich mir in den Weg und hielt mir den Flyer entgegen. Geübt wie ich bin, habe ich sie mit einem gekonnten Schritt zur Seite und einem höflichen Nein Danke umgangen (das ist das Gute an der ständigen und omnipräsenten Belästigung durch Werbezettelverteiler, Religionsanhänger und Tierfreunde – man lernt, schnell und effektiv weiterzugehen), als mir einige, schnelle Meter weiter bewusst wurde, was sie überhaupt gesagt hatte.
“Einen 10 Euro Gutschein für dich?” – Und alle so: Damn it…
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